Macron in Korsika: Etwas Höflichkeit und viele Absagen

Der französische Präsident Emmanuel Macron besuchte zwei Tage die Mittelmeer-Insel .

Nach dem klaren Sieg der Nationalisten bei den Regionalwahlen war der Präsident bemüht, eine Basis des Vertrauens zu schaffen, um in den kommenden Monaten über mehr politische Autonomie Korsikas zu reden.

Aber: Den überhöhten Erwartungen konnte er nicht entsprechen.

Wie komplex alle Fragen um eine Sonderstellung von Korsika innerhalb der französischen Republik sind, zeigte sich bereits am ersten Tag von Emmanuel Macrons Besuch auf der Insel.

Am Morgen spricht der Präsident zum Gedenken an den ermordeten Präfekten Erignac und dankt seiner Frau, dass sie 20 Jahre nach dessen Ermordung erstmals wieder zurück nach Korsika reiste.

Der Forderung nach einer Amnestie für verurteilte Nationalisten erteilt er eine Absage.

Am Abend dann schüttelt er die Hand der Frau jenes Mannes, der Erignac erschoss, Yvan Colonna.

„Mein Sohn hat seinen Vater seit 18 Monaten im Gefängnis nicht mehr besuchen können. Ich bitte Sie, daran etwas zu ändern…“, bittet die Ehefrau von Colonna.

Der Präsident zeigt Verständnis, signalisiert Entgegenkommen.

Die Szene zeigt: Das politisch heikle Dossier Korsika ist seit Jahren emotional und symbolisch überfrachtet. Beide Seiten, die Nationalisten und die Vertreter des französischen Zentralstaates, müssen jede Aussage auf die Goldwaage legen und werden trotzdem regelmässig falsch verstanden.

Korsika mehr Autonomie zu gewähren, wäre eigentlich das kleinste Problem.

In der Wirtschaftspolitik; die Frage, welchen Status die korsische Sprache haben kann; in der Umweltpolitik, Wohnbau-Politik und in Verkehrsfragen: Überall gibt es gemeinsame Vorstellungen, wie für beide Seiten eine politisch befriedigende Lösungen gefunden werden könnte.

Das grosse Problem sind die überhöhten Erwartungen: Der absolut formulierte Forderungs-Katalog der Nationalisten verträgt sich schlecht mit einer Politik der kleinen Fortschritte, für welche Macron zum Schluss seines Besuches in Bastia plädierte.

Der Präsident ist bereit, die Besonderheit der Region Korsika in die Verfassung zu schreiben.

In diesem Punkt erfüllt Macron die Erwartungen der Nationalisten.

Er anerkennt auch die Bedeutung der korsischen Sprache. Er will sie weiter fördern. Auch da reicht er den Nationalisten die Hand.

Ansonsten erteilte der Präsident den Nationalisten -höflich aber bestimmt- vor allem Absagen.

Er kann es sich leisten, weil die Verhandlungen erst beginnen und noch lange andauern werden.

Parallel dazu muss die neu gewählte Regional-Regierung erst einmal zeigen, ob sie fähig ist, die bereits bestehenden Kompetenzen der Region im Interesse der Einwohner Korsikas zu nutzen.

Die wirtschaftliche und politische Zukunft der Insel lässt sich nicht innert zweier Tagen regeln.

Der Besuch Macrons in Korsika hat das deutlich gezeigt.

Im besten Fall anerkennen beide Seiten dies als entscheidenden Vorteil.

Denn Korsika braucht nicht emotional aufgeladenen Grundsatz-Debatten, sondern grosse politische Leidenschaft, den Konsens im Kleinen zu finden.

Im Hinterzimmer, am Verhandlungstisch.

 

Autor: Charles Liebherr

...arbeitet seit Mitte 2014 als Frankreich-Korrespondent für Radio SRF in Paris. ...war zuvor einige Jahre Wirtschaftsredaktor bei SRF in Bern. ...war ein Onliner der ersten Stunden. ...mag Reportagen und besonders zwei Frauen.