Generell Tempo 80: Macron will Reformen beschleunigen, die Regierung drosselt das Tempo. Kommt das gut?

Während sich der Präsident Frankreichs auf Besuch in China um die Reaktivierung der Seidenstrasse von Peking über Moskau nach Europa kümmert, widmet sich sein Premier in Frankreich Überlandstrassen ohne Mittel-Leitplanken.

Der Reformeifer der französischen ist grenzenlos und verschont keine Ecke des französischen Alltags.

Nun also dies: Auf den besagten Nebenstrassen über Land, mit Gegenverkehr aber ohne bauliche Trennung in der Mitte, soll künftig generell Tempo 80 gelten, nicht mehr Tempo 90. 400 Leben pro Jahr gilt es zu retten, so die Begründung der Regierung.

Sie setzt damit ein Zeichen, dass sie in ihrem Eifer, das Land grundlegend zu reformieren, nicht vom Weg abkommt.Es ist offensichtlich: Die französische Regierung, die sich politisch weder links noch rechts einreihen will, verstrickt sich in Widersprüche.

Am ersten Tag des Jahres wünscht sich der junge Präsident der Republik zum neuen Jahr, Beschleunigung, also mehr Tempo, für all seine versprochenen Reformen. Nur neun Tage später: Die Regierung beschliesst genau das Gegenteil.

Das Tempo wird gedrosselt auf 400’000 Strassenkilometern im ganzen Land. Vorbei die Zeit, als man links beschleunigen und überholen konnte, um die Konkurrenz am rechten Randstein hinter sich zu lassen.

3 von 4 Staatsbürger sind davon betroffen. Keine Reform verändert den Alltag mehr als diese Temporeduktion um 10 Stundenkilometer. Denn 3 von 4 Arbeitnehmenden in Frankreich fahren mit dem Auto zur Arbeit, oder auf das Arbeitsamt, wenn sie immer noch keine Arbeit haben.

Zwei Mal 25 Kilometer Arbeitsweg auf vier Rädern gönnen sich französische Arbeitswillige jeden Tag. Zeitverlust auf Grund dieser wegweisenden Reform: 4 Minuten pro Tag. Unzumutbar finden das die Automobilisten. Sie werden auf der Strasse protestieren, mit der grösstmöglichen Temporeduktion, nämlich mit Staus, die ohnehin alltäglich sind, überall auf Frankreichs Strassen.

Die Regierung setzt sich trotzdem in diese Nesseln, weil sie Leben retten will. 400 pro Jahr. Denn auf Frankreichs Strassen sterben zu viele Menschen.  Fast drei Mal so viel Tote wie auf Schweizer Strassen, wenn wir die Grössenverhältnisse berücksichtigen.

Vielleicht kommt die Regierung aber trotzdem ins Schleudern. Denn es wäre auch eine andere Reform möglich gewesen. Sie hätte nicht beim weit verbreiteten Rasen auf Strassen, sondern beim weit verbreiteten Bürokratismus angesetzt.

Der französische Rechnungshofs hätte sich das gewünscht.

Dieser hat nämlich vorgerechnet, dass jene, die Tempolimiten durchsetzen sollten, also Polizisten auf der Strasse, zu viel am Schreibtisch sitzen.

Die Folge: Die total 383 Polizei-Autos mit mobilen Radars, die kontrollieren sollten, dass Tempolimiten keine virtuelle Grösse bleiben, sind pro Tag in Frankreich bloss eine Stunde und 13 Minuten auf Achse. Die anderen 22 Stunden und 47 Minuten stehen sie in der Garage.

Tempo 80 auf Überlandstrassen mit Gegenverkehr und ohne Mittel-Leitplanke wird sich also als Papiertiger entpuppen.

Weil keiner kontrolliert.

Weniger Bürokratismus – um diese auch wegweisende Reform macht sogar Präsident Macron einen Bogen.

Lieber Tempo drosseln.

Autor: Charles Liebherr

...arbeitet seit Mitte 2014 als Frankreich-Korrespondent für Radio SRF in Paris. ...war zuvor einige Jahre Wirtschaftsredaktor bei SRF in Bern. ...war ein Onliner der ersten Stunden. ...mag Reportagen und besonders zwei Frauen.