Frankreich entdeckt den Johnny in sich

Der französische Musiker Johnny Hallyday ist tot. Er verstarb im Alter von 74 Jahren .

In jedem Franzosen stecke ein Stück Johnny Hallyday, schreibt heute der französische Präsident zum Tod des Künstlers.

Stimmt. Die Figur Johnny Hallyday verkörpert Frankreich.

 

1960. Jean-Philippe Smet, geborener Clerc, tritt zum ersten Mal am französischen Fernsehen auf. 17 junge Jahre alt war er damals, aber sein Weg war gezeichnet: Sechs Mal heiraten, vier Kinder.

«Laisse les filles» war sein erster Hit.

100 Millionen weitere Alben sollten folgen.

Johnny Hallyday ist der bekannteste französische Erdenbürger, abgesehen von Louis XIV und Napoléon Bonaparte.

Darum stellt sich heute die Frage nach einem Denkmal.

Zumal er sich einen Tag länger durchs Leben gebissen hat als diese Jean d’Ormesson, der gestern abtrat und heute auf der ersten Seite des bürgerlichen Le Figaro tront, auf schwarzem Grund: dieser gutbetuchter Aristokrat, Schlossbesitzer und Membre de l’Académie française, Schreiber von schönen Worten.

Johnny ist, war, ein anderes Kaliber. Volksheld.

Mit Patronengurt und Lederhose, Lieferant schräger Töne, offenes Hemd, schwarze Sonnenbrille, Cowboy-Hut, gefärbtes Haar, Coka-Cola in der Hand – wobei er sicher lieber Coke als Cola gönnte.

Johnny ist die Antwort Frankreichs aus James Dean und Elvis Presley und alles was danach kam, einfach bedeutender  – für Frankreich.

Johnny gab 3’257 Konzerte, in Châtellerau, Nevers, Aurillac, Pontivy oder Barboton-Les-Themes. Und manchmal in Paris.

Dort jubelten ihm zuerst die wilden Jungen der 60er zu. Wenig später auch deren Eltern und Gross-Eltern. Die jungen Wilden überzeugten sogleich ihre Kinder und später sogar die Enkel der Enkelkinder mit Johnny zu singen.

Sogar in der paradiesischen Schweiz. Hallyday verschanzte sich dort im Berner Oberland, vorübergehend, hinter den Bergen, um Ruhe zu haben, vor dem französischen Finanzamt.

Auch das macht ihn zum Vorbild vieler Franzosen.

Der Biker und Rocker, war ein harter Junge, aber im Kern war er ein französischer Softy.

«Ich kann nie zum Ausdruck bringen, was in meinem Kopf vorgeht», lässt er sich postum zitieren.

Darum darf sich Johnny Hallyday, Jean-Philippe Clerc, heute neben Louis XIV und Napoléon einreihen, weil er -wie sie – eine nationale Tugend verkörpert: nämlich Anspruch und Wirklichkeit jederzeit strikt zu trennen.

Jetzt darf Johnny ewig weiter träumen. Und mit ihm ein ganzes Land.

Autor: Charles Liebherr

…arbeitet seit Mitte 2014 als Frankreich-Korrespondent
für Radio SRF in Paris.
…war zuvor einige Jahre Wirtschaftsredaktor bei SRF in Bern.
…war ein Onliner der ersten Stunden.
…mag Reportagen und besonders zwei Frauen.

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