Tochter Le Pen auf Vater Le Pens Pfaden mit Blick auf eine Niederlage und viele Sitze im Parlament. Eine Analyse nach dem TV-Duell

«Brutal, aggressiv, destruktiv von Anfang bis zum Schluss», so kommentieren viele französische Medien das Fernseh-Duell zwischen Marine Le Pen und Emmanuel Macron vor der Stichwahl um die Präsidentschaft am Sonntag.

Man durfte erwarten, dass sich die Kandidaten nicht mit Handschuhen anfassen werden. Dennoch war es überraschend, wie konsequent sich Marine Le Pen jeder Debatte verweigerte und Macron ständig persönlich angriff.

Vielleicht kann man darin das Eingeständnis erkennen, dass die Präsidentin des Front National die Wahl gar nicht gewinnen will, sondern die Partei wieder dorthin führen will, wo sie ihr Vater immer haben wollte, nämlich konsequent in der totalen Opposition.

Man hätte erwarten können, dass die Kandidatin des Front National ihrer Strategie Punkt für Punkt folgen würde bis zum letzten Tag, der Stichwahl um die französische Präsidentschaft.

Seit Marine Le Pen das politische Erbe ihres Vaters angetreten hatte, war die Präsidentin des Front National bemüht, das schmuddelige Image ihrer Partei zu korrigieren, zu «entteufeln».

Sie öffnete sich thematisch, umwarb mit aller Kraft linke Wähler, Euro-Gegner und enttäuschte Bürger mit tiefen Einkommen – die Vergessenen der Republik, wie sie diese nannte.

Bis Anfangs dieser Woche folgte Le Pen dieser Linie.

Erstmals überhaupt schloss sie mit einer anderen rechten Partei ein Bündnis, grosse Teile der konservativen Wähler schienen gewillt, sie zu unterstützen. Eine bemerkenswerte Entwicklung in der französischen Politik.

Nach dem gestrigen Fernseh-Duell, das diese Bezeichnung verdient, scheint alles anders.

Marine Le Pen trat extrem auf, extrem aggressiv, extrem destruktiv, extrem unpräzise in der Sache, immer mit einem extrem zynischen Lachen im Gesicht.
«Ent-Teufelung» sieht anders aus.

Diese Haltung ist eigentlich ein entlarvendes Eingeständnis für eine vorausgesagte Niederlage am Sonntag.

Nichts ist mehr zu erkennen, das zeigen könnte, dass Marine Le Pen Präsidentin von Frankreich werden will. Ansonsten hätte sie Brücken schlagen müssen, Kompromisse suchen und werbend argumentieren sollen.

Mit ihrer Rhetorik verrannte sich jedoch in der totalen Opposition. In dieser Rolle wollte der Vater Le Pen seine Partei ewig sehen.

Die Tochter scheint sich dieser neuen, alten Logik ihrer Partei nun doch wieder zu unterwerfen.

Das tut sie vielleicht mit Blick auf die Parlamentswahlen im Juni. Der Front National darf damit rechnen, viele Parlamentarier in die Nationalversammlung zu entsenden. Sie werden eine Minderheit bleiben, aber für sich in Anspruch nehmen, die einzige wirkliche Opposition im Land zu sein zu einer neuen Regierung unter Präsident Emmanuel Macron und  zum Rest des politischen Systems Frankreichs.

Der Ton im Fernsehen gestern war ein Vorgeschmack darauf, wie es morgen im französischen Parlament tönen dürfte: abschätzig und zynisch.

Das lässt die Hoffnung sterben, dass in der französischen Politik eine kompromissbereite und reformorientierte Generation von Abgeordneten in Ruhe arbeiten kann.

Das sind schlechte Vorzeichen für Millionen Arbeitslose, die auf eine wirtschaftliche Wende hoffen.

Es sind aber gute Vorzeichen für den Front National von Marine Le Pen, der nur prosperieren kann, wenn alles schief läuft und er sich aus der Verantwortung schleichen kann.

Autor: Charles Liebherr

…arbeitet seit Mitte 2014 als Frankreich-Korrespondent
für Radio SRF in Paris.
…war zuvor einige Jahre Wirtschaftsredaktor bei SRF in Bern.
…war ein Onliner der ersten Stunden.
…mag Reportagen und besonders zwei Frauen.