Warum rennt Verlierer Manuel Valls hinter Emmanuel Macron her, dem Verräter der Sozialisten?

Der ehemalige Premierminister Manuel Valls hat seinen bevorzugten Kandidaten für die französische Präsidentschaft gefunden.

Er heisst Emmanuel Macron.

Der Sozialist Valls entscheidet sich also gegen den offiziellen Kandidaten der Sozialisten, Benoît Hamon, gegen welchen er die Vorwahlen verloren hatte.

Ein vernünftiger Entscheid, wenn man – so wie Valls – als Sozialdemokrat vor allem ans politische Überleben denkt.

Ist Manuel Valls einfach nur ein schlechter Verlierer?

Gewiss ist er das, denn er hat sich bei den Vorwahlen der Linken dazu verpflichtet, sich im Falle einer Niederlage hinter den Gewinner zu stellen, also hinter Benoît Hamon.

Die Antwort greift zu kurz, denn sie kann nicht erklären, warum Manuel Valls so lange auf sich warten liess.

Denn er hat nie ein Geheimnis daraus gemacht, dass er Emmanuel Macron für einen Verräter hält. Als Premierminister legte Valls Macron Steine in den Weg, wo immer möglich.

Nun unterstützt der Verlierer den Verräter. Natürlich ‚contre coeur‘ – aber aus Vernunft.

Macron hat es kommen sehen und darum vorgesorgt. Er hat gestern eine Unklarheit beseitigt, mit Blick auf den drohenden Überläufer Valls: Wer unter dem Gütesiegel von Macrons Bewegung «» auf einen Sitz im neu zu wählenden Parlament schielt, muss alte Seilschaften kappen.

Also keinen Platz für opportunistische Sozialisten. Trotzdem rennt Valls hinter Macron her.

Die Erklärung könnte tatsächlich im Kopf von Manuel Valls zu finden sein und nicht im Herzen.

Valls stellte sich nämlich die Frage, wen es bei den französischen eigentlich zu schlagen gilt.

Viele Politiker haben ihr einstiges Ziel aus den Augen verloren. Es war einmal, den Front National politisch zurück in die Bedeutungslosigkeit zu versenken.

François Fillon tut das Gegenteil. Mit jedem Tag mehr übernimmt er die populistische Rhetorik der Präsidentin des Front National. Immer lauter spricht er gegen Einwanderung, von christlichen Werten und gegen die eigene politische Kaste. Vergessen geht sein liberales Credo und sein Versprechen, den Staatsapparat zurück zu bauen. So hatte er aber die Vorwahlen der Rechten gewonnen.

Auch der Sozialist Benoît Hamon scheint seine politischen Gegner aus den Augen verloren zu haben. Er argumentiert mit aller Kraft gegen Emmanuel Macron und lässt den Rechten Fillon und die rechstpopulisische Marine Le Pen erstaunlich non-chalant links liegen.

Andere springen in die Lücke: Jean-Luc Mélenchon am entschiedensten. Er fällt bei den Wählerinnen und Wählern auf mit seinen Attacken gegen Le Pen und Fillon. Politisch zahlt sich das aus, auf Kosten von Benoît Hamon, der eigentlich sein Verbündeter sein könnte.

Auch Emmanuel Macron gelingt dies. Politisch wagt er einen Balance-Akt, weil sein Wahl-Programm politisch links und rechts inspiriert sein will.  Kein anderer Kandidat wirft sich aber für die Weiterentwicklung der europäischen Integration so ins Zeug und lässt an Parteiversammlungen Europafahnen schwingen. Innenpolitisch gibt es damit wenig zu gewinnen in Frankreich. Für Macron ist aber mehr Europa gleich bedeutend mit weniger Le Pen, also weniger Abschottung wirtschaftlich und ideologisch. Auch das verstehen viele Bürger.

Ausgerechnet Macron und Mélenchon gewinnen bei einer steigenden Zahl von unentschlossenen Wählern darum an Profil.

Manuel Valls hat das lange beobachten können. Er will nicht länger den Verlierer spielen, weil er sich an jenen Valls erinnerte, der bissiger als viele andere linke Politiker den Front National angriff als er Innenminister und Premier war.

So bringt sich Valls und mit ihm der rechte Flügel der Sozialistischen Partei zurück ins Spiel. Niemand wird ihm nach den französischen Wahlen vorwerfen können, er habe vergessen, wen es in erster Linie zu schlagen gelte.

Autor: Charles Liebherr

…arbeitet seit Mitte 2014 als Frankreich-Korrespondent
für Radio SRF in Paris.
…war zuvor einige Jahre Wirtschaftsredaktor bei SRF in Bern.
…war ein Onliner der ersten Stunden.
…mag Reportagen und besonders zwei Frauen.