Im Schatten von Vorwahlen: Der Trugschluss der Parteistrategen

Bei den französischen ist – nach den Vorwahlen – das Kandidatenfeld bestellt: Die französischen Sozialisten steigen mit Benoît Hamon in den Wahlkampf. Die Republikaner mit François Fillon.

Aber: Anders als erhofft konnten die Vorwahlen nicht klare Mehrheiten und breite politische Koalitionen schaffen.

Der französische Wahlkampf bleibt bestimmt von Grabenkämpfen.

Nur eine Klarheit brachten die Vorwahlen:  Frankreich steht vor einem politischen Neustart. Der lahmende Präsident François Hollande musste einsehen, dass er chancenlos wäre – er tritt nicht mehr an.

Auf der Strecke blieben neben Hollande eine Reihe weiterer hoch gehandelter Kandidaten: Die grüne Parteichefin Cécile Duflot, gefolgt vom Steh-auf-Männchen Nicolas Sarkozy und dem altgedienten Alain Juppé. Schliesslich verrannte sich auch Ex-Premier Manuel Valls ins politische Abseits.

Bei den Vorwahlen in grün, republikanischem blau oder sozialistischem rosa siegten die Aussenseiter.
Allen gemeinsam: Das Versprechen, radikal mit der Vergangenheit und den alten Rezepten zu brechen.

Am einfachsten dabei hatte es François Fillon. Die rechte Parteibasis wollte einen Rechts-Rutsch ihrer Partei, also nicht den Konsenspolitiker Juppé. Die Option Sarkozy schien eine zu grosse Hypothek. Also Fillon: Konservative Politik, neo-liberale Wirtschaft, keine Affairen.

Was lange nach einem einfachen Sieg aussah, droht nun ins Gegenteil zu kippen. Fillon muss seit seinem Sieg bei den Vorwahlen jeden Tag etwas mehr Abstriche bei seinem Programm machen. 39 Stunden arbeiten, aber nur Lohn für 35 Stunden erhalten regt sogar die eigenen Wähler zu sehr auf. 500 Tausend Beamte entlassen, Pöstler in der Provinz, Krankenschwestern im Spital und Lehrerinnen in der Schule beruhigt die Wähler ebenso wenig.

Zumal nun der Vorwurf im Raum steht, Herr Fillon hätte Frau Fillon einen hohen Lohn als persönliche Mitarbeiterin zukommen lassen. Ohne Klarheit zu schaffen, was sie für diesen Lohn eigentlich leistete. Auch Fillon hat damit eine Affaire am Hals.

Das nagt an der Glaubwürdigkeit.

Mit der Glaubwürdigkeit hat auch der frisch erkorene Sozialist Benoît Hamon zu kämpfen. 45 Milliarden Euro würde sein Versprechen schon im ersten Jahr kosten, allen Jung-Bürgern ein Grundeinkommen zu garantieren. 10 Mal mehr wären es ein paar Jahre später, wenn alle Franzosen davon profitieren sollen. Woher das Geld nehmen, wenn nicht aus der leeren Staatskasse? Hamon weiss es auch nicht.

Die Spitzenkandidaten links und rechts müssen darum beobachten, dass links und rechts von ihnen die ewigen Rivalen in den eigenen Reihen immer lustvoller die Klingen wetzen. Sie ruhig zu stellen, wird bald mehr Energie fressen als der eigentliche Wahlkampf.

Das schafft Raum für jene beiden Kandidaten, die freie Bahn haben und sich nicht mit Vorwahlen herumschlagen mussten: Marine Le Pen und Emmanuel Macron. Beide bereiten sich seit Monaten in Ruhe auf die letzte Ausmarchung vor. Beide sind in ihren jeweiligen Lagern unbestritten.

Das offenbart den Trugschluss, welche die Parteistrategen links und rechts machten.

Sie glaubten mit einer orchestrierten Nabelschau in der Form von Vorwahlen, einen leichten Sieg zu erringen.

Nun zeigt sich aber eine andere Realität: Die glücklichen Sieger von gestern laufen grosse Gefahr, die Verlierer von morgen zu sein.

Autor: Charles Liebherr

...arbeitet seit Mitte 2014 als Frankreich-Korrespondent für Radio SRF in Paris. ...war zuvor einige Jahre Wirtschaftsredaktor bei SRF in Bern. ...war ein Onliner der ersten Stunden. ...mag Reportagen und besonders zwei Frauen.