Kältewelle: Das warme Versprechen des französischen Wohlfahrtsstaates

Es ist kalt in Frankreich. Das ist eigentlich nichts ungewöhnliches. Ungewöhnlich ist freilich die Reaktion der französischen Politik auf ein solches meteorologisches Phänomen. Die Regierung zieht ein Plan aus der Schublade und wechselt in den Krisenmodus.

In der Kälte zeigt sich, was man in Frankreich unter Wohlfahrtsstaat versteht: Der Präsident persönlich soll Wolldecken verteilen, wie einst der heilige Sankt Martin.

Irritierend.

Der Montag brachte die historische Wende.

Die staatliche Wetterstation Météo France verspricht Schnee und Kälte im ganzen Land. In der Schweiz würde man jubeln und rechnen, wie die Wintersport-Orte ihre bisher milde Saison retten.

Frankreich ist anders.

In Frankreich ruft am gleichen Montag die französische Umweltministerin alle Wetterfrösche des Landes in Paris zusammen.

Sie verordnet diesen, die ganze Woche über doch bitte nicht nur über das Wetter zu reden. Sondern im nationalen Interesse in ihren Bulletins bitte das Volk aufzuklären, was die Regierung von ihrer Bevölkerung in diesen kalten Tagen erwartet.

Darum hören wir am Radio, lesen es in jeder Zeitung und nehmen es am Fernsehen zur Kenntnis:

  • dass wir unsere Waschmaschinen in der Wohnung zwischen 18 und 20 Uhr ruhen lassen sollten.
  • dass wir das Schlafzimmer nur bis 19 Grad aufheizen sollen, um Strom zu sparen  und damit anderen bedürftigen Haushalten mehr Wärme zu ermöglichen. Zum Beispiel jenen, die immer noch hinter einfach-verglasten Fenstern hausen, also die Mehrheit in Frankreich.
  • Wir sollten tagsüber zudem die Lichter in der Wohnung löschen, wenn möglich.
  • Und davon absehen, alternative Heizkörper im Haushalt, zum Beispiel ein Gasherd, zu nutzen für mehr Wärme im Herz. Zu gefährlich.

Der nationale Stromlieferant EDF verspricht zudem, die Revision seiner 58 Atomkraftwerke im Land zu beschleunigen, um ausreichend Stromreserven zu haben. Beruhigen. Kurz vor Kälteeinbruch gingen drei Reaktoren wieder ans Netz.

Zwei Tage später ruft der Präsident in den frühen Morgenstunden alle relevanten Minister zu einer Sondersitzung zusammen.

Der Landesvater lässt sich persönlich darüber informieren, wie der Kälte-Plan aus der Schublade seiner Ministerien gezogen und befolgt wird.

Der Plan «Grand Froid» hat wie der Anti-Terrorplan drei Stufen. Wir liegen zur Zeit bei Niveau 3 von drei. Wir leben also in der Krise.
Das ist beruhigend. Der Präsident kümmert sich um das Wohlbefinden seiner 66 Millionen Mitbewohner.

Weniger beruhigend sind die Zahlen.

Offiziell leben 140’000 Menschen in Frankreich auf der Strasse. «Sans Domicile Fixe». Gegen eine Million Menschen, sagen uns die sozialen Statistiker, leben in prekären Wohnverhältnissen, könnten also jederzeit auf der Strasse stehen.

Darum sieht der Plan in der Schublade vor, dass diese Personen rund um die Uhr die Telefon-Nummer 115 anrufen können, sagen uns die Wetterfrösche. Theoretisch.

Denn, jeden Tag und jede Nacht fehlen Tausende warme staatlich-garantierte Schlafplätze. Darüber berichten die Kollegen der Wetterfrösche in den nachfolgenden Nachrichtensendungen.

Diese Kluft zwischen dem Plan des Wohlfahrtsstaates Frankreich und der Realität sollte eigentlich niemanden überraschen.

Es genügt ein Blick auf die leichte Kleidung der Wetterfrösche im Fernsehen. Die Damen und Herren sind angezogen wie im Hochsommer, als würden sie nach ihrer Einschaltung an ein Gala-Dîner des Präsidenten im Garten des Elysée entschwinden.

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Autor: Charles Liebherr

...arbeitet seit Mitte 2014 als Frankreich-Korrespondent für Radio SRF in Paris. ...war zuvor einige Jahre Wirtschaftsredaktor bei SRF in Bern. ...war ein Onliner der ersten Stunden. ...mag Reportagen und besonders zwei Frauen.