„Réfugiés“ – Wort des Jahres in Frankreich

Am „Festival du Mot de la Charité-sur-Loire“ wird jedes Jahr das Wort des Jahres in Frankreich bestimmt. 98’508 Personen beteiligten sich an der Wahl.

„Réfugiés“ ist das Wort des Jahres 2016. Ein komplizierter Begriff.

RÉFUGIÉS ist nicht MIGRANTS, ist nicht CLANDESTINS, ist nicht IMMIGRÉS, ist nicht EXILÉS. Alles sind aber „Ausländer“.

In einem Bericht des Défenseur des droits, einer Art Ombudsmann in Frankreich, weist Jacques Toubon auf die Probleme hin, welche die Verwendung all dieser Begriffe hat. Er wählte darum für seinen Spezialbericht den allgemeinen Begriff „Ausländer“.

Denn alle anderen Begriff würden nicht ’neutral‘ verwendet und auch nicht ’neutral‘ verstanden.

Bestes Beispiel hierfür sei der viel verwendete Begriff „Migranten (migrants)“, der lange Zeit als neutral galt, im Zuge der aktuellen Flüchtlingskrise immer stärker im Zusammenhang mit ‚Wirtschafts-Flüchtlingen‘ verwendet wurde – mit politischen Präferenzen, die damit verbunden seien.

„Les migrants“ sind so zu den ’schlechten‘ Flüchtlinge geworden. „Les réfugiés“ sind das Gegenteil, nämlich jene Menschen, die wirklich Schutz benötigen.

Daran haben sich die Teilnehmerinnen und Teilnehmer an der Wahl des Wortes des Jahres aber natürlich nicht orientiert.

Die Wahl „Réfugiés“ habe sich relativ früh und deutlich abgezeichnet, schreiben die Organisatoren in einer Mitteilung.

Auf den weiteren Plätzen landeten:

Hinweis: Die Links im Text führen alle auf Artikel in diesem Blog zum Thema. Regelmässige Leserinnen dürfen also das Gefühl entwickeln, über wichtige Entwicklungen in Frankreich informiert zu sein 😉

TERRORISME: Diesen Begriff hat die Mehrheit der Leserinnen und Leser der Gratiszeitung 20Minutes gewählt.

UBERISATION: Uber als Symbol einer neuen Wirtschaftsordnung landete ebenfalls weit vorne.

RÉPUBLIQUE: Man hätte erwarten können, dass dieser Begriff weiter vorne landet, angesichts der Anschläge in Paris im letzten Jahr.

ORTHOGRAPHE: Hier spiegelt sich eine kleine Polemik wieder zu einer geplanten Rechtschreibreform in Frankreich.

RADICALISATION: Ebenfalls ein Begriff, der in den Medien sehr viel Tinte beanspruchte im letzten Jahr.

PRIMAIRES: Dieser Begriff stand weit oben auf der Liste der Franzosen, die im Ausland leben und an der Wahl des Wortes des Jahres teilnahmen. In diesem Jahr finden im rechten politischen Lager (Les Républicains) erstmals Primärwahlen statt, die den Spitzenkandidaten der aktuellen Opposition für die Präsidentschaftswahlen bestimmen.

CLIMAT: Dieses Wort toppte Ende 2015 kurz im Gewissen der Franzosen auf. In Paris fand die grosse Klima-Konferenz statt.

SÉCURITÉ: Taschen zeigen am Eingang, Jacke öffnen am Eingang. Alltag in Frankreich. Nicht verwunderlich, dass „Sicherheit“ in der Liste auftaucht. Eher überraschend ist, dass der Begriff fast auf dem letzten Platz der meistgenannten Begriffe landete. Abgegriffen?

BINATIONAUX: Der Begriff sagt weniger als die grosse öffentliche Debatte zum Thema, welche in diesem Zusammenhang vom Präsidenten los getreten wurde. Alles eine vorschnelle Reaktion auf die Anschläge vom 13. November in Paris.

 

 

 

Autor: Charles Liebherr

…arbeitet seit Mitte 2014 als Frankreich-Korrespondent
für Radio SRF in Paris.
…war zuvor einige Jahre Wirtschaftsredaktor bei SRF in Bern.
…war ein Onliner der ersten Stunden.
…mag Reportagen und besonders zwei Frauen.