#JeSuisCirconflexe : Der ungebrochene Reformwille von Hollande ;-)

In Frankreich ziehen die Sozialisten alle Register.

Die Partei von Präsident François lässt keine Gelegenheit aus, anzupacken.

Alle Französinnen und Franzosen sollten das wirklich wörtlich nehmen.

Die Sozialisten streichen das uns so vertraute ‚circonflexe‘ nämlich ersatzlos aus dem ‚vocabulaire‘.

Typische Reform, „à la française“.

Zum LAUT mitlesen:

Die Reform lag 26 Jahre in der Schublade. Angeschoben hatte sie die Académie française. Die Académie française, das ist eine Anstalt Verrückter, verrückt Verliebter in die Sprache Voltaires, Molières und Co.

Die Académie immer begleitet von diesem „française“ zeigte sich bemüht ihre Sprache, zu reformieren, genau genommen nur die Schreibweise ihrer Sprache, aber immerhin. Die Académie française  hatte aber vor 26 Jahren nicht mit der „classe politique française“ gerechnet.

Diese liebt nämlich Schubladen.

François Hollande ist da, „en général“, keine Ausnahme.

Er zeichnet sich aber als Präsident aus, der zwischen den Schubladen zu unterscheiden weiss. Reformen in der grünen Schublade zum Beispiel mag er gar nicht. Also vertreibt er Grüne aus der Regierung und heizt lieber das Klima mit Atomstrom an. Ab 2025 einfach nur noch zu 50 Prozent. Atomwende, „à la française“, also halb.

Nur rote Reformschubladen mag der Sozialist bekanntlich auch nicht.
Aber blau-weiss-rote Schubladen öffnet der Präsident zuweilen. Darum lässt er in diesen Tagen den Polizei-Staat, den Ausnahmezustand, vom Parlament in der Verfassung verankern.

Blau-weiss-rot ist auch die Reform der Sprache. Hollande liebt sie, weil sie im Alltag der Bürger verankert ist.

2400 französische Wörter werden neu geschrieben. Es verschwinden ein paar Bindestriche „-„ und das Aushängeschild der französischen Sprache, das Ciconflexe ^ , diese komische Dächli auf französischen Buchstaben, das uns den regelmässigen Zweier im Französisch-Diktat garantierte.

Wir könnten dank dieser Reform nun die Liter Tinte errechnen, die wir damit sparen, die Kosten, les couts –  nun eben ohne dieses Dächli ^auf dem „u“.

Das Verschwinden des Circonflexe wäre alleine aber noch nicht eine dieser grossen Reformen, welche dieses Land so gerne verspricht.

Darum dürfen wir die Seerosen von Monnet (Achtung zwei „nn“) nun auch mit „f“ schreiben nicht mehr mit „p-h“ – Nénufar.

Aber Achtung: Das Strichli vorne auf dem „é“, geschrieben a-i-g-u, bleibt, was schlechte Aussichten bedeutet für unser nächstes Dictée – mit é und e.

Auch verschwinden Bindestriche „-„ bei der nun in Angriff genommenen GrossReform der französischen Sprache.

So schreiben wir hier in Frankreich künftig das typisch französische Wort „week-end“ in einem Wort also ohne Bindestrich, aber immer noch mit zwei e – ohne aigu.

Auch beim TausendFüssler – „mille-pattes“– verschwinden Bindestriche, was natürlich eine erhebliche Einsparung bedeutet.

Aber zurück zum Aushängeschild, dem Circonflexe ^, weil, es verschwindet eben doch nicht ganz, wie das immer der Fall ist bei Reformen französischer Prägung -réformes françaises – einmal mit „aigu“, das wir nun ja gut kennen und dem neuen „cédille“, das wir von „François“ persönlich kennen.

Das Circonflexe verschwindet nicht ganz, nämlich dann nicht, wenn es Sinn gibt, was Sinn gibt!

Zum Beispiel ist eine „reife Brombeere“, „mûre mûre“, ja nicht eine Mauer, „mur“.  Oder sicher- „sûr“– ist sicher nicht „auf“- auch „sur“, aber eben ohne.

Das Circonflexe kann natürlich auch nicht beim uns so bestens vertrautem Passé (Achtung aigu) simple einfach verschwindet, und beim Imperfekt Subjonctif  – mit „f“ am Schluss! Und es darf schon gar nicht beim Plus-Quam-Perfekt Subjontif verschwinden.

Dachte ich mir schon, denn er hätte es ja geliebt – „qu’il eût aimé“.

Frankreich liebt eben Ausnahmen. Vor allem bei Reformen.

Und das weiss auch das Bildungsministerium. Darum hat es den Lehrerinnen und Lehrern erlaubt, ab kommendem Schuljahr beide Schreibweisen, die alte und die neue, zu unterrichten. Und rot angestrichene Fehler gibt es auch keine mehr.

Selbst sich selbst dürfen sie schreiben, wie es ihnen besser gefällt, die Schulmeister: „Maitres d’écoles“; mit #JeSuisCirconflexe auf dem „î“ oder eben ohne.

Typisch französischer Reformgeist.

Autor: Charles Liebherr

…arbeitet seit Mitte 2014 als Frankreich-Korrespondent
für Radio SRF in Paris.
…war zuvor einige Jahre Wirtschaftsredaktor bei SRF in Bern.
…war ein Onliner der ersten Stunden.
…mag Reportagen und besonders zwei Frauen.