Nach den Terroranschlägen in Paris: Unterwegs mit Rabbi Michel Serfaty in den Pariser Banlieus

Auch eine Serie von mörderischen Terror-Anschlägen in den Strassen von Paris und vor dem Stade de France in Saint-Denis bringen Michel Serfaty nicht von seinem Weg ab. Seit Jahren zieht es den Rabbiner von Ris-Orangis in die Banlieus rund um Paris, fast täglich.

Dort, wo sich viel soziale Verwahrlosung und wenig Hoffnung auf eine besser Zukunft eingenistet hat, setzt sich Michel Serfaty für eine besser Verständigung zwischen Juden und Muslimen ein.

Er ist der Präsident des von ihm gegründeten Vereins „Amitiés judéo-musulmane de France AJMF.“

Er zeigt sein Gesicht und reicht die Hand, scherzt, lacht und debattiert. Sein Credo: Nur mit Aufklärung und Bildung lässt sich wirkungsvoll gegen die Radikalisierung der meist jungen Menschen kämpfen.

Unterwegs im Quariter von Champigny

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Michel Serfaty lässt sich immer von zwei Mitarbeitern begleiten, die Muslime sind.

Ich plante ein Portrait über den Rabbiner zu realisieren – ein Jahr nach den Attentaten auf die Redaktion von Charlie Hebdo und auf den jüdischen Supermarkt Hyper Cacher im Januar.

Ich wollte von ihm wissen, mit welchen Gefühlen er auf diese Terror-Anschläge zurück blickt.

Das Treffen fand eine Woche nach den Attentaten in Paris – 130 Tote, rund 350 Verletzte, unter völlig neuen Vorzeichen statt.

In Pariser Vorort Champigny stellt der Rabbiner von Ris-Orangis sein farbiger Bus mitten in grauen Wohnsilos ab. Nicht selten wird er in der Banlieu verspottet und verachtet. Andere würden vor einer solchen Wand von Hass, Wurt und Verachtung umkehren. Michel Serfaty macht das Gegenteil. Er lädt Kinder zu Couscous und Tee ein und diskutiert. So erreicht er auch deren Mütter und nicht selten erlebt er, dass die aufgestauten Vorurteile inner Minuten in sich zusammenfallen.

In Paris vor dem Konzertlokal Bataclan, in welchem die Terroristen 89 junge Menschen töteten, ruft er dazu auf, sich nun noch stärker für die Aussöhnung von Juden und Muslimen einzusetzen. Das Bataclan, dessen Besitzer jüdischen Glaubens sind, sollte in seinen Augen ein Mahnmal und eine Gedenkstätte werden für diesen Schulterschluss unter den Religionen.

Zurück in der Banlieu besucht Michel Serfaty eine Moschee und deren islamische Schule. Zu seiner grossen Überraschung verstehen sich die muslimischen Lehrer und der Imam in erster Linie als Franzosen. Der Unterricht in der Grundstufe folgt dem Konzept von Maria Montessori. In der Grundstufe unterrichten immer zwei oder drei Lehrinnen gemeinsam, um jedes Kind individuell zu fördern.

„Hier fallen Vorurteile. Hier fallen Tabus“, stellt der Rabbiner von Ris-Orangis nach seinem Besuch fest. Ein besonderer Tag sei das gewesen, fügt Michel Serfaty an. Ein Tag, der Anlass zu Hoffnung gibt.

 

Autor: Charles Liebherr

...arbeitet seit Mitte 2014 als Frankreich-Korrespondent für Radio SRF in Paris. ...war zuvor einige Jahre Wirtschaftsredaktor bei SRF in Bern. ...war ein Onliner der ersten Stunden. ...mag Reportagen und besonders zwei Frauen.