Journalistenbrief aus Paris

Weil ja (noch) nicht alle, die diesen Blog regelmässig lesen, auch noch AbonnentInnen der Medienzeitschrift Edito+Klartext sind, erlaube ich mir hier ein „Re-print“ meines Artikels über den langen Streik bei Radio France. Quelle: Edito+Klartext vom 1. Juni 2015.Das morgendliche Ritual beginnt eigentlich wider Willen.

Am ersten Tag denke ich mir noch, dass es einfach eine Ausnahme ist. Dann wird es zur Gewohnheit.

Jeden Morgen drehe ich den Knopf meines Radios an. Dann immer die Frage: Wie tönt es heute? Musik auf France Inter, Musik auf France Info. Beide sind die wichtigsten Informationsprogramme des öffentlich-rechtlichen Radios.

28 Tage lang spielen beide Radios vor allem Musik. An einzelnen Tagen tönt das aber wie gewohnt; das heisst, es wird viel gesprochen, zuweilen auch geplaudert, leidenschaftlich debattiert.

Plötzlich defilierten wie gewohnt die eingeladenen Politikerinnen und Politiker in den Studios.

Dann am kommenden Morgen wieder nur Musik. So tönte der bislang längste Streik in der Geschichte von Radio France. 28 Tage. Voller Überraschungen.

Das Publikum stöhnt, schreibt zugleich aber auch unzählige Mails, wie sehr ihm die ungewohnt langen Musikstrecken im Programm gefallen.

Ein Kollege von France Inter erzählte mir in dieser Zeit, dass sie selber nie wussten, ob und wie sie am Folgetag arbeiten. 28 Tage wurde also improvisiert.

Tatsächlich streikte im öffentlich-rechtlichen Radio nämlich nur ein Bruchteil der Angestellten. Zu Beginn waren es vor allem die Kolleginnen und Kollegen der Produktionstechnik. Später kamen noch die Musiker der beiden Orchester, ein paar Journalistinnen und Redaktoren dazu.

Gestreikt wurde im Rotationsprinzip. Je nach Gewerkschaft und zugehörigen Mitarbeitenden konnte das geplante Programm normal oder gar nicht ausgestrahlt werden. Ausschlaggebend war der Dienstplan der Angestellten.

Warum eigentlich? Nun liegt der Streik schon wieder einige Wochen zurück und noch immer ist nicht wirklich klar, wofür die Angestellten genau gestreikt hatten.

Die Musiker der beiden Symphonieorchester streikten, weil sie befürchteten, dass ihre sehr teuren Ensembles zusammengelegt werden könnten. Allerdings wurde das rasch von der Kulturministerin und dann auch von der Direktion wieder in Abrede gestellt.

Es streikten Teile der Produktionstechniker, die befürchten, dass in ihrem Bereich Stellen abgebaut würden. Dann streikten die Mitarbeitenden der Regionalprogramme France Bleu, die befürchteten, am Nachmittag drei Stunden Sendezeit zu verlieren.

Damit alleine lässt sich der lange Arbeitskonflikt aber nicht erklären. Eine Erklärung liegt im tiefen Misstrauen der Angestellten gegenüber der Direktion.

Radio France muss sparen. Das ist im Grunde genommen der Hauptauftrag von Direktor Mathieu Galet, der seit gut einem Jahr im Amt ist. Der Aufsteiger agierte in den ersten Monaten allerdings sehr ungeschickt.

Wenig war von ihm zu hören. Selten kommunizierte er intern mit den Mitarbeitenden. Dann machte die Zeitung „Le Canard enchainé” Anfang Jahr publik, dass Galet sein Büro für 100 000
Euro renovierte, dass er ein neues Auto mit Chauffeur beanspruchte und für ein hohes Honorar einen persönlichen Kommunikationsberater einstellte.

(Aktualisierte Anmerkung vom 9.6. 2015: Inzwischen hat eine interne Untersuchung ergeben, dass bei den oben beschriebenen Vorwürfen keine Verfehlungen des Direktors von Radio France vorliegen, will heissen, dass er innerhalb seiner Entscheid-Kompetenzen gehandelt hatte. In der Folge der Enthüllungen des Canard enchainé ist aber eine neue Untersuchung gegen Galet eingeleitet worden. Als er noch Direktor des Institut National d’Audiovisuel INA war, hat er auch reichlich Berater-Honorare vergeben, allerdings ohne öffentliche Ausschreibung, was die Anti-Korruptionsbehörde auf den Plan rief…)

Was fehlte, war allerdings eine klare Strategie für das Radio für die kommenden Jahre. Diese reichte er erst auf dem Höhepunkt des Streiks nach. Bezeichnenderweise sandte er seine Visionen an die Kulturministerin. Diese hat aber keine direkte Aufsichtskompetenz über das Radio.

Sie hat aber einen Mediator eingesetzt, der bis im Sommer zwischen allen Parteien vermitteln soll. Radio France hätte eigentlich einen Verwaltungsrat, welcher die Arbeit der Direktion überwachen sollte. Und dann gibt es noch die Aufsichtsbehörde für Radio und Fernsehen, den Conseil Supérieur de l’Audiovisuel (CSA). Der CSA hatte Mathieu Galet als Direktor ins Amt gewählt.

Die komplizierten und wenig transparenten Entscheidstrukturen bei Radio France zeigen, wo viele Probleme liegen.

Jeder Vorschlag zum Sparen, welchen die Direktion ins Auge fasst, wird von den entsprechenden Interessensgruppen sofort bekämpft. Sie suchen sich Verbündete oder streiken.

Denkt Radio France beispielsweise laut über das Aufheben der Lang- oder Mittelwellensender nach, geht ein Aufschrei durchs Land. Die Folge: Das Projekt wurde auf Eis gelegt.

Sechs Sendestudios und 18 Aufnahmekabinen seien zurzeit ausser Betrieb, klagt eine der Gewerkschaften, weil sie über keine gesetzeskonformen Lüftungen verfügen. Es fehlt ein Plan der  Direktion, diese nachzurüsten.

Das sind nur zwei Beispiele, wie sich die Parteien gegenseitig die Schuld zuschieben, warum Radio France nicht aus den roten Zahlen und aus der Vertrauenskrise findet. Darum wiederholt sich ein anderes Ritual: Der Direktor von Radio France wird von den Medienkommissionen der Assemblée Nationale und des Senats vorgeladen. Auch sie wollen wissen, was die Pläne der Direktion sind, und wollen ebenfalls über die Zukunft des öffentlich-rechtlichen Radios in Frankreich mitdiskutieren.

Es wird viel debattiert, wenig tatsächlich verändert.

Das Spektakel zeigt auch, dass die Unabhängigkeit des Radios hier ganz anders verstanden wird als in anderen Ländern Europas und in der Schweiz. Und: Das Marktumfeld des öffentlich-rechtlichen Radios und Fernsehens ist mit der Schweiz nicht vergleichbar.

Das Radio, vor allem France Inter und France Info, steht in einem grossen Wettbewerb mit den privaten Sendern Europe 1, RTL, RMC. Die Morgensendung von France Inter ist immer noch das meistgehörte Radioprogramm. Der Marktanteil ist aber unter 10 Prozent. Die privaten Konkurrenten liegen nur wenig dahinter.

Ungewöhnlich für Schweizer Ohren ist auch, dass beide Sender Werbung ausstrahlen dürfen.

Radio France hat in den vergangenen Jahren viel Geld in die Entwicklung seiner Internet-Angebote investiert, der Rückstand auf die Konkurrenz ist aber weiterhin gross. Darum möchte die Direktion weitere Mittel in die digitale Verbreitung ihrer Programme umlagern. Auch da stösst sie intern auf grossen Widerstand, weil das auf Kosten klassischer Radioprogramme erfolgen muss.

In den Abendsendungen und im Wochenendprogramm der Sender finden sich freilich viele radiophone Perlen: Lange Dokumentationen, eigentliche Features, die sehr innovativ gestaltet sind.

Einen auffallend hohen Anteil haben auch zeitgeschichtliche Sendungen mit historischen Tondokumenten aus dem nationalen Rundfunkarchiv und längere Gesprächssendungen und Diskussionsrunden. Da ist ein grosses Engagement und „Savoir-faire” zu hören und ein grosser Unterschied zu den privaten Sendern.

Wie also die richtige Balance finden, zwischen Anspruch an aussergewöhnliche Themen, Formate und Innovationen und dem Auftrag, sich gegenüber der privaten Konkurrenz zu behaupten? Der Streik machte für ein paar Wochen deutlich, wie heftig hinter den Kulissen von Radio France darüber gestritten wird.

Was fehlt, ist aber immer noch eine überzeugende Antwort des Direktors. Also wird weiter debattiert und nichts verändert. Typisch Frankreich?

Autor: Charles Liebherr

...arbeitet seit Mitte 2014 als Frankreich-Korrespondent für Radio SRF in Paris. ...war zuvor einige Jahre Wirtschaftsredaktor bei SRF in Bern. ...war ein Onliner der ersten Stunden. ...mag Reportagen und besonders zwei Frauen.