Knatsch bei Le Pens: Wie die Nichte so der Vater

Jean-Marie Le Pen will nun doch nicht Spitzenkandidat des Front National bei den Regionalwahlen Ende Jahr sein.

Nach ein paar Tagen entspricht er damit den Wünschen seiner Tochter.

Die Enkelin Marion Maréchal-Le Pen tritt an seiner Stelle an.

Der Haussegen bei Familie Le Pen hängt deshalb nicht weniger schief.

Vier Sätze genügten Marine Le Pen vor knapp einer Woche, um mit 42 Jahren parteipolitischer Tradition zu brechen. Zum ersten Mal distanzierte sich die Tochter nicht mehr nur mit Worten vom Gründer und Ehrenpräsidenten der Partei, sondern auch mit Taten. Sie stelle der Parteileitung den Antrag, dass ihr Vater nicht als Spitzenkandidat des Front National antreten darf bei den Regionalwahlen Ende Jahr.

Ihr Vater folge offenbar einer Strategie der verbrannten Erde: „Nach mir die Sintflut“; das sei politischer Selbstmord. Das wolle sie nicht länger mittragen. Ihr Vater habe nicht das Recht, den Front National als Geisel zu nehmen.

Das Fass zum Überlaufen gebracht haben die bekannte Hasstiraden des Vaters in einer rechts-extremen Postille. Le Pen Vater lobt einmal mehr das Vichy-Regime, nachdem er in der Woche zuvor die Gaskammern als Nebenschauplatz des Zweiten Weltkrieges bezeichnete.

Solche Äusserungen des alten Le Pen sind inhaltlich nicht neu und folgen einer Logik, die den Front National bisher so erfolgreich machte: Der Vater, der scharfe Hund, stolzer Besitzer zweier Dobermänner, bellt laut.

Er schimpft über alle, die keine weisse Hautfarbe haben, deren Familien nicht seit Jahrhunderten auf französischem Boden leben, die nicht christliche Kirchen besuchen und einen offenen Blick auf die Welt und Europa vor der Haustür haben. Gebellt wird nicht selten jenseits der geltenden Gesetze.

Teil dieser Logik war bisher auch die Tochter, Marine. Sie mag lieber Katzen, geschmeidiger und wendiger. Sie spricht die Sprache der politischen Gegner. Sie spricht geschickt die Sorgen vieler Bürgerinnen und Bürger an, die sich zu den Verlierern der Gesellschaft zählen.

Dieses Duo, Vater und Tochter, Hund und Katze, spielten bisher ein Doppelspiel und machten so den Front National zur dritten politischen Kraft in Frankreich.

Zur Logik gehörte bisher auch, dass die Tochter beschwichtigte, wenn der Vater wieder mal lauter bellte, als politisch opportun war.

Zur Logik gehörte auch, dass die Tochter die Partei von innen erneuerte, mit mit jungen Parteikadern, die die Sprache der Tochter reden und eben so wenig sind auf dem nationalen politischen Parkett wie ihre Chefin.

Mit jedem Sieg wurde die Partei damit aber verwundbarer. Mit jedem Sieg wurde das Spagat grösser, das die Partei machen musste.

Die junge Garde gewinnt politisch an Verantwortung, nimmt Einsitz in regionale Parlamente und bestimmt als Bürgermeister über zahlreiche Gemeinde-Budget im ganzen Land.
Die alte, reaktionäre Garde machte ihr gleichzeitig den politischen Alltag schwer, mit rassistischen Äusserungen aus überholten Zeiten.

Das ist Wasser auf die Mühlen der etablierten Parteien, die den Front National als Bedrohung für die Republik brandmarken.

Marine Le Pen kämpft also um das politische Überleben an der Spitze des Front National. Darum darf sie nun etwas aufatmen, wenn sich der Vater zurückzieht.

Eine politische Zukunft sieht sie dennoch noch ohne die Belastung durch ihren Vater.

Die Frage stellt sich aber, ob auf den Bruch mit dem Vater, ein Aufbruch zu neuen Wahlsiegen folgen kann. Denn der Erfolg gründete bisher zu grossen Teilen auf dem Doppelspiel von Vater und Tochter. Dem Front National steht eine Zerreissprobe bevor.

Und das ist weit mehr ist als ein Streit zwischen Vater und Tochter Le Pen.

Autor: Charles Liebherr

…arbeitet seit Mitte 2014 als Frankreich-Korrespondent
für Radio SRF in Paris.
…war zuvor einige Jahre Wirtschaftsredaktor bei SRF in Bern.
…war ein Onliner der ersten Stunden.
…mag Reportagen und besonders zwei Frauen.