Gedanken zum Gedenkmarsch in Paris nach Tagen des Terrors. Kommentare erwünscht.

Republique_CharlieHebdoDie französische Bevölkerung setzte ein starkes Zeichen zum Ende einer erschütternden Woche in .

Bei den Terrorattaken auf die Redaktion von „Charlie Hebdo“ am Mittwoch und die Geiselnahmen zwei Tage später in Dammartin-en-G0ële und in einem jüdischen Laden in Paris, Porte de Vincennes, sind insgesamt 17 Menschen getötet worden.

Millionen Franzosen gingen darum am Sonntag auf die Strasse, ohne Worte und mit dem grossem Willen, Solidarität zu zeigen.

Auch für mich als Berichterstatter Anlass, die vergangenen Tage zu verarbeiten und nachzudenken.

Zum Glück hängen heute Morgen gleichzeitig Sonne und Regen über Paris.
Massen von Menschen. Schon Stunden vor dem Marsch. Alle strömen auf die Strasse. Mit mir. Ohne Worte.
Da stehe ich, laufe ein paar Schritte und habe Angst.

Angst, dass dieses Land, dessen Leben ich erst seit wenigen Monaten einatme, dass dieses Land plötzlich ein anderes Land sein wird.
Dieser Riss in meiner neuen Heimat lässt alle Farben verblassen. Übrig bleibt schwarz, weiss. Drei Worte. „Je suis Charlie“.

Alles tönt plötzlich anders.
Eine Sirene ist nicht mehr eine Sirene, ein Blaulicht nicht mehr einfach blau und das Knattern der Rotoren eines Helikopters nicht mehr vertraut.
Und dann erhebt sich langsam eine Flut von Bildern. Und erste Gefühle. Endlich. Seit Tagen. Obwohl ich keinen Platz für sie habe.
Es ist ein Film, den ich eigentlich gar nicht sehen will.

Das erste Telefon am Mittwoch kurz vor Mittag aus der Redaktion in Bern.
Seither ich bin dankbar um diese 24 Stunden Nachrichtensender, die offenbar immer genügend Kollegen haben, dort zu sein, wo ich mich nie hinstellen würde.
Es sind die gleichen Kollegen, denen ich in der Vergangenheit mehr Zeit wünschte, Nebensächliches zu vergessen. Jetzt gibt es nichts Nebensächliches mehr.

Ich bin dankbar um Live-Ticker und Hashtags.

Dieses Nachrichten-Tempo ist unerträglich, macht das Arbeiten unmöglich. Weil es zu viel ist. Wer will all diese Bilder sehen  – von Attentätern, die aus allen virtuellen Welten aufsteigen.
Wie kann ich von mutmasslichen Tätern reden, obwohl alle Kanäle gleichzeitig mir diese Fratzen aus Überwachungs-Kameras vors Gesicht halten.

Ein kleiner Knabe winkt einem Polizisten zu. „Bonjour Monsieur“. Für einen kurzen Moment ist die ganze Anspannung der vergangenen Tage verflogen.

Warum rufen Journalisten Geiselnehmer an, wenige Minuten bevor Sonderkommandos zum Sturm ansetzen, um diese Töne nach deren Tot auszustrahlen.
Warum gibt es Menschen, die andere Menschen töten wollen, weil sie Menschen zum Lachen zwingen: Mit wenigen Strichen, grosse Geschichten erzählen, die ich nie hätte in Worte fassen können.

Es ist eine Attacke auf meinen eigenen Beruf.
Ich werde das erst viel später realisieren.

Donnerstag Mittag. Kirchen-Glocken, Notre Dame de Paris. Journalisten schweigen, Nachbarn schweigen, das Radio schweigt, alles schweigt. Alle Schüler in allen Schulen schweigen. Meine Tochter schweigt.

Kinder stellen die unmöglichsten Fragen. Warum wollen Menschen töten? Haben die Polizisten die Räuber gefangen. Muss ich Angst haben? Ich weiche aus.

Familien Hand in Hand. Grosseltern, Eltern, Kinder. Alle warm eingepackt. Der Wind ist kalt. Schon wieder Regen und Sonne gleichzeitig.

Dann geht das Rennen wieder los, noch schneller, obwohl es eigentlich gar nicht schneller als schneller gibt.

Warum finden Zehntausende Polizisten die Stecknadel nicht. Das kann doch nicht sein. Die waren denen doch bekannt.
Es gibt hierfür 1000 Erklärungen, Null Verständnis.

Wieder „Je suis Charlie“. Diesmal am Zeitungskiosk. Auf einem kleinen Bildschirm neben der Kasse, der mir an anderen Tagen Millionengewinne verspricht.

Ich empfinde Solidarität, Stärke, Mut und staune, über das, was da ins Rollen kommt.

Menschen stehen Seite an Seite. Halten sich die Hand, umarmen sich. Halten Blumen, Kerzen; halten übergrosse Bleistifte in die Höhe. Schweigen. Freuen sich über so viele Menschen um sich herum.

Es wird wieder dunkel.

Wie wird dieser Mann weiterleben, der im zweiten Stock seiner Druckerei um Hilfe hätte schreien wollen, während im ersten Stock Verrückte wild um sich zu schiessen beginnen.

Rauch, Schüsse, Ungewissheit. Ich muss am Radio etwas beschreiben, wofür ich ein ganz anderes Skript im Kopf habe.

Darf ich das Gefühl haben, dass es besser ist, dass alle Attentäter tot sind. Ist das gerecht. Hätte ich ihnen das Überleben zugestehen können.

In Mitten dieser schweigenden Mehrheit heute Nachmittag spüre ich Geborgenheit und Hoffnung. Hoffnung, dass ich dieses Land am Ende vielleicht doch wieder zu finden sein könnte. Wenn wieder Alltag herrscht. Irgendwann.

Der andere Alltag.

Wer nicht lesen will, kann sich das hier auch anhören. Dieser Beitrag wurde am Sonntag Abend in der Sendung Echo der Zeit ausgestrahlt.

Anmerkung vom 12. Januar 2015:

„Je suis toucheé par vos réactions depuis hier soir.“

Bestimmt, es braucht etwas Mut, sich so persönlich zu exponieren in einer Radiosendung. In der Regel ist das auch nicht unsere Rolle. Dieses etwas Mut steht aber in keinem Verhältnis zum Mut, den viele andere Menschen, neben den Sicherheitskräften vor allem auch Journalisten-Kolleginnen und Kollegen, in der Vergangenheit und vor allem in den letzten fünf Tagen gezeigt haben.

Ich freue mich über Kommentare zum Text, die ihr gleich unten einfügen könnt. Danke. Gerne dürft ihr auf der Startseite (oben rechts) auch künftige Beiträge meines Blogs abonnieren.

Autor: Charles Liebherr

…arbeitet seit Mitte 2014 als Frankreich-Korrespondent
für Radio SRF in Paris.
…war zuvor einige Jahre Wirtschaftsredaktor bei SRF in Bern.
…war ein Onliner der ersten Stunden.
…mag Reportagen und besonders zwei Frauen.