Aus dem Leben eines Korrespondenten II: Opposition in der Opposition

In Bordeaux lernte ich die Grenzen des Erklärbaren als Korrespondent kennen.

An der Wahlveranstaltung von Nicolas Sarkozy gab es neben Pfiffen und Nettigkeiten und Rivalitäten und Empfindlichkeiten auch eine Lektion der Botschaften zwischen den Zeilen.

Sie sind für ein Schweizer Publikum schwer verständlich und meist auch nicht wirklich wichtig.

Hier kann ich aber eine Auswahl präsentieren und erklären, die uns in den nächsten Wochen, Monaten, Jahren, noch begleiten werden.

Ich lasse mich von der Masse nicht beeinflussen, das wissen Sie…

… sagte Alain Juppé, nachdem die Anhänger von Nicolas pfiffen, weil Herr Juppé eine Allianz mit dem Zentrum und Primärwahlen forderte vom neuen UMP-Präsidenten.

Erläuterung:

Die Anspielung ist gezielt platziert. Im Wahlkampf um den Vorsitz tourte NS (Kürzel von Nicolas Sarkozy) durchs Land. Je nach Publikum liess er sich zu pointierten Aussagen provozieren. So versprach er die Abschaffung des Gesetzes von Mme Taubira, das die gleichgeschlechtliche Ehe ermöglicht. Eine sozialpolitische Errungenschaft, welche zwar umstritten ist, aber von einer Mehrheit der Bevölkerung getragen wird. La Loi Taubira abzuschaffen, würde heissen, bestehende Ehen aufzulösen, was natürlich nicht geht. Sarkozy versprach es dennoch, weil im Publikum lautstarke Vertreter der Bewegung „Mariage pour tous“ sassen, rechts-konservative Stimmen, die es auch zahlreich innerhalb der gibt. Zudem erzählte Sarkozy, dass er die Innenministerin Rachida Dati vor allem deshalb ernannte, weil sie maghrebinische Wurzeln hat. Er versprach, 30 Prozent der Lehrer zu entlassen, das Dublin-Abkommen neu zu verhandeln mit der EU, das Elsass als Region wieder zu etablieren (das war in Mulhouse), obwohl das Parlament eben anders entschieden hat, etc.

Sie müssen mir nicht immer ihr Alter nennen, bevor sie sprechen…

… sagte Nicolas Sarkozy verschmitzt in der Fragestunde nach seiner Rede in Bordeaux.

Erläuterung:

Eine Anspielung auf die „Reife“ von Alain Juppé. Tritt dieser zu den 2017 an, wird er schon 71 Jahre alt sein. Nach fünf Jahren im Amt also 76 Jahre alt. Das Alter von Juppé ist immer mal wieder ein Thema. Sarkozy (60) wirft das immer mal wieder so nebenbei ein. Alain Juppé nimmt das gelassen und sagt selber, dass das gut fürs Land sei. Damit sei nämlich klar, dass er nur eine Amtszeit wahrnehme und darum Reformen durchführen kann im Land, ohne auf eine mögliche Wiederwahl zu schielen. Alain Juppé spricht auch immer mal wieder von seiner Heimat Bordeaux, wenn es um sein Alter geht: In seiner Weinbau-Region sei es ja kein Geheimnis, dass die Reife mit dem Alter zunehme und bessere Qualität verspreche…

Offene Primärwahlen…

wünscht sich Alain Juppé und eine ganze Zahl anderer Anwärter auf Führungspositionen im rechten politischen Lager und versprach auch Nicolas Sarkozy, wobei er das Wort „offen“ nie in den Mund nahm.

Erläuterung:

François Hollande wurde 2012 mit offenen Primärwahlen als Spitzenkandidat der damaligen Opposition gewählt. Die Grünen, die Kommunisten und diverse andere linke Gruppierungen nahmen an den Teil. Wählen durfte, wer 1 Euro zahlte. Hollande sicherte sich sogar die Unterstützung des Zentrums von François Bayrou. Man kann auch sagen, dass Hollande der Kandidat aller war, die Sarkozy nicht mehr haben wollten.

Soll das rechte Lager das zum Vorbild nehmen? Viele wünschen sich das, allen voran Juppé, weil sie so sicher sind, dass Sarkozy nicht seine Partei in seinen alleinigen Dienst stellen kann. Klar ist auch, dass das rechte Lager nur eine Chance hat, wenn sie sich auf einen Kandidaten (Frauen nicht in Sicht) einigen können.

Denn es geht vor allem um den zweiten Wahlgang. Wahrscheinlich ist, dass Marine Le Pen vom Front National viele Stimmen machen wird, vielleicht sogar die Siegerin im ersten Wahlgang sein könnte. Dann hat nur eine Chance, wer den zweiten Platz schafft (links oder rechts). Splittet sich das rechte Lager in mehrere Teile, dann wird es nicht berechenbar, wer antreten darf im zweiten Wahlgang. Die Linke hätte zur Zeit keine Chance auf eine zweite Chance.

Sarkozy vermeidet den Ausdruck „offene Primärwahlen“, weil er anders kalkuliert: Er hat jetzt knapp zwei Jahre, „seine“ Partei hinter sich zu bringen. Die Basis ist schon gelegt mit dem Präsidium der UMP. Er wünscht sich also eher Wahlen innerhalb der Nachfolge-Organisation der UMP. Da hat er eine solide Machtbasis und könnte sich so auf den Stuhl setzen, der ihm die Rückkehr ins Elysée gewissermassen garantiert. Er muss nur sicherstellen, dass er Platz 1 oder 2 schafft im ersten Wahlgang der Präsidentschaftswahlen. Gegen Le Pen wird dann sogar die Linke für Sarkozy stimmen müssen – analog zur Wiederwahl von Chirac 2002 gegen Vater Le Pen.

 

 

 

Autor: Charles Liebherr

…arbeitet seit Mitte 2014 als Frankreich-Korrespondent
für Radio SRF in Paris.
…war zuvor einige Jahre Wirtschaftsredaktor bei SRF in Bern.
…war ein Onliner der ersten Stunden.
…mag Reportagen und besonders zwei Frauen.